Das Geschäftsmodell hinter dem Europäischen Polizeikongress

Europäischer Polizeikongress: Programm, Geschäft und Geschäftsmodell

23. Februar 2016 | Von | Kategorie: AKTUELLES, BESCHAFFUNG - VERGABE - VERTRÄGE

Zum 19. Mal findet dieser Tage in Berlin der europäische Polizeikongress statt, nach Angaben des Veranstalters die größte internationale Fachkonferenz für innere Sicherheit in Europa. Wir haben dies zum Anlass genommen, uns die veröffentlichten Programmpunkte und die Mitwirkenden [1] etwas genauer anzusehen. Man könnte auch sagen, uns anzusehen aus welchen Komponenten ein erfolgreicher Polizeikongress gemacht wird.

Bestandteile eines erfolgreichen Polizeikongresses

Man nehme für die Gestaltung der Bühne eines erfolgreichen Polizeikongresses

  • einen attraktiven Veranstaltungsort, das ist hier Berlin,
  • wähle für den Kongress ein wohlklingendes, fachliches, aber keinesfalls zu präzises Thema, das ist in diesem Jahr: „Lokaler Tatort – globale Ursache: Terrorismus – Cyber – organisierte Kriminalität,
  • gewinne als Moderatoren und Referenten hochrangige Beamte aus Ministerien, Polizei- und Sicherheitsbehörden, ferner einige Parlamentarier, sowie, unter strenger Beachtung der Parität, auch Vertreter aller Polizeigewerkschaften
  • und lade sich dazu Anbieter von Produkten und Dienstleistungen für Polizei und Sicherheitsbehörden, denen man gegen Gebühr die Möglichkeit bietet, sich den Moderatoren, Referenten und Besuchern im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren.
  • Als zusätzliche Präsentationsmöglichkeit für die Aussteller veranstalte man Fachforen, das sind Veranstaltungen im kleineren Kreise, die thematisch auf die ausgestellten Produkte abgestimmt sind. Denn dort erhalten Aussteller, die sich den besonderen Status eines Sponsors auch extra etwas kosten lassen, zusätzliche Möglichkeit, ihre Produkte in kurzen Fachreferaten vorzustellen.

Die Besucher

Und nicht zuletzt benötigt eine solche Veranstaltung natürlich auch noch Besucher: Besonders für Angehörige von Polizei, Militär, Zoll, Nachrichtendiensten, sowie aus Parlamenten und diplomatischen Vertretungen ist die Teilnahme attraktiv, weil kostenlos; Angehörige sonstiger Behörden zahlen einen Obulus von 80€ für beide Tage bzw. 49€ für einen Tag und richtig teuer wird die Teilnahme für Besucher aus Wirtschaft und Industrie, die rund 900€ für zwei bzw. 450€ für den eintägigen Besuch hinblättern sollen. Was vermutlich dafür sorgt, dass nicht viele Vertreter dieser Spezies am Polizeikongress teilnehmen. Im Schnitt, sagt der Veranstalter, kommen etwa 1.500 Besucher zur Veranstaltung.

Was uns am diesjährigen Polizeikongress aufgefallen ist

Das Hauptprogramm

Anstelle des aktuellen Programms, wir hatten es oben bereits zitiert, könnte man sich in der aktuellen gesellschaftlichen Situation packendere Themen vorstellen. Vermutlich ist ein solches, relativ allgemeines Thema für die gesamte Veranstaltung der langen Vorbereitungszeit geschuldet. Nach der halbstündigen Eröffnungsrede von Peter Altmaier, dem Chef des Bundeskanzleramts, ist der Staatssekretär aus dem Bundesinnenministerium, Dr. Ole Schröder, an der Reihe mit einem Impulsreferat über die „Bekämpfung des internationalen Terrorismus als nationale und grenzüberschreitende Herausforderung“. Danach folgt eine Kaffeepause und ein erster Teil der Fachforen. Nach einer Mittagspause mit ausreichend Zeit für Essen und Kontakte Knüpfen, geht es dann weiter mit drei 20-minütigen Referaten über „die globale Bedrohung durch das Internet und deren Lösungsansätze aus der Sicht von Interpol“ oder die „Internationale Polizeiarbeit aus Sicht der Vereinten Nationen“. Das Referat dazwischen mit dem Titel „Digitale Herausforderung für die Strafverfolgungsbehörden“ steht dem Goldsponsor der Veranstaltung zu; das ist auch in diesem Jahr wieder die Firma Taser, Hersteller von Bodycams und Taser-Waffen für die Polizei. Ein letztes 20-minütiges Referat hält Fabrice Leggeri, der Exekutivdirektor von Frontex über „Operative grenzpolizeiliche Aufgaben“, ein Thema, bei dem es angesichts der aktuellen Entwicklung an den Grenzen sicher dem einen oder anderen Leser kalt den Rücken hinunterläuft.
„Was ist zu tun? Hier und heute!“ Diese Frage wollen zum Abschluss des Tages in einer einstündigen Diskussion drei ehemalige Innenminister (aus Niedersachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen) und der ehemalige bayerische Ministerpräsident Dr. Beckstein unter der Moderation des ehemaligen Staatssekretärs im BMI und ehemaligen Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Dr. August Hanning, klären.

Das Programm des nächsten Tages ist wohltuend überschaubar, besteht nämlich aus vier Vorträgen zu 30 Minuten auf den Vor -und Nachmittag verteilt. Es erläutert da Dr. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, welche „Auswirkungen die irreguläre Migration“ auf die Arbeit seiner Behörde hat, anschließend versucht der Vizepräsident des Bundeskriminalamts, Michael Kretschmer, die Zuhörer zu begeistern mit dem Thema „Kriminalitätsbekämpfung in einer globalisierten und digitalisierten Welt“ und dann referiert noch Professor Neumann vom King’s College in London über „IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus“. Vor dem Mittagessen folgt die schon traditionelle Diskussionsrunde der Landesinnenminister und-Senatoren, diesmal mit den Vertretern aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Und am Nachmittag schließt ein Vortrag eines ehemaligen Europol Mitarbeiters „555 Tage Daesh“ die Veranstaltung ab.

Die Fachforen

Für die Fachforen sind am Vor- und Nachmittag des ersten und Nachmittag des zweiten Veranstaltungstages Blöcke von jeweils 90 Minuten vorgesehen, in denen der Besucher sich entscheiden muss zwischen verschiedenen Fachthemen. Da gibt es relativ allgemeine Themen, wie „Cybercrime: Prävention – Bewusstsein – Gegenstrategien“ oder „Risikomanagement 4.0 – Neue Herausforderungen im Zeitalter der Digitalisierung. Dem Zuhörer werden neue oder nicht mehr ganz so neue Entwicklungen nahe gebracht, wie „Virtuelle Währungen“, „Advanced“ bzw. „Predictive Analytics“ oder „Massendaten im polizeilichen Umfeld“. Dann gibt es Erfahrungsberichte aus der Praxis, wie z.B. über „Europäische Erfahrungen mit Großlagen“, die mitunter auch einzelnen Polizeibehörden die Möglichkeit bieten zu präsentieren, was in ihrem Haus entwickelt wurde: So kommt es dann, dass Niedersachsen in einem Fachforum seinen „Vorsprung durch mobile IKT“ präsentiert und dazu den Moderator und drei der vier Referenten aufbietet.

Im Vergleich mit früheren Polizeikongressen scheint mir die physische Ausstattung der Polizei für den operativen Einsatz an Bedeutung zugenommen zu haben: Das ist zu erkennen an Themen wie „Unbemannte Luftfahrzeuge für die BOS“, „CCTV – Videoüberwachung öffentlicher Räume“ oder „Persönliche Ausrüstung und Ausstattung der Polizei“, wo Anbieter wie die Firma Taser, Heckler & Koch oder Ulbrichts Protection (Hersteller von Schutzhelmen) ihr Forum finden.

Polizeikongress aus Sicht der Aussteller

Der Polizeikongress ist aus Sicht der Aussteller nicht gerade eine preiswerte Angelegenheit: Die Minimalausstattung besteht aus einem sogenannten Ministand von 6m², der einschließlich Strom, WLAN, Getränkeversorgung, freiem Eintritt für zwei Mitarbeiter, sowie der Schaltung eines Firmenprofils im begleitenden Kongressmagazin 3.100€ *) kostet. Aussteller, die mehr Fläche brauchen, können diese in der gewünschten Größe buchen zu einem Preis von 550€ pro Quadratmeter *) und freiem Eintritt für eine der Standgröße angemessene Anzahl von Mitarbeitern sowie Standausstattung und Veröffentlichung des Firmenprofils. Noch attraktiver ist die Buchung eines Sponsor-Paketes, das in den Ausstattungsvarianten Platin (46.500€ *)), Gold (26.500€ *)), Silber (18.500€ *)) und Bronze (7.800€ *)) angeboten wird. In diesen Komplettpaketen sind weitere Werbemöglichkeiten im Kongressmagazin enthalten, größere Standflächen, freier Eintritt für mehr Mitarbeiter und insbesondere die Möglichkeit, ein Referat in einem der Fachforen zu bestreiten (Bronze), ein Einführungsreferat in einem Panel (Silber), einen Redebeitrag im Hauptprogramm und ein Referat im Fachforum (Gold) bzw. sogar ein ganzes eigenes Fachforum (Platin) auszurichten. Wenn wir richtig gezählt haben gibt es beim diesjährigen Polizeikongress einen Gold-Sponsor, zwei Silber-Sponsoren und 21 Bronze-Sponsoren.

Etwas Statistik zu den Fachforen

Die Fachforen sind also auch deswegen ein Muss, um den Ausstellern die mit dem Sponsorenpaket verbundenen Präsentationsmöglichkeiten zu geben. Eine kleine statistische Auswertung ergibt, dass es insgesamt 20 solcher Blöcke in den Fachforen gibt und somit auch 20 Moderatoren. Von denen stammen drei Viertel aus Polizeibehörden und Ministerien (10 aus Polizei, 5 aus Ministerien).
18 der 20 Forumsblöcke bieten Raum für die Mitwirkung durch Aussteller, die für 29 entsprechende Referate genutzt wurden. Weitere 23 Referenten kommen aus Polizeibehörden wobei Nordrhein-Westfalen mit 5 Referenten und Niedersachsen mit 4 Teilnehmern vertreten ist, Sachsen und die Bundespolizei mit 2 und Bayern, Baden-Württemberg und das BKA mit jeweils 1 Teilnehmer. Die restlichen Polizei-Vertreter kommen von Europol bzw. aus dem Ausland. Und dann wären noch die 4 Referenten der Polizeigewerkschaften zu erwähnen, also von GDP, BDK und DPolG, die alle drei auch zu den sogenannten Unterstützern der Veranstaltung gehören.

Polizeikongress als Geschäft?!

Für Aussteller und Besucher

Ob sich die Teilnahme am Polizeikongress für Aussteller direkt niederschlägt in entsprechenden Verkaufsabschlüssen, ist schwer zu sagen. Mein Eindruck von Vorgänger-Veranstaltungen, an denen ich selbst teilgenommen habe, sprach nicht dafür. Ziemlich sicher aber sieht der „Markt“ darauf, ob Aussteller in die Teilnahme investieren. Denn geschätzt wird die Veranstaltung sicherlich, sowohl von Seiten der Aussteller als auch von der der Besucher: Wo sonst ließen sich – außer bei dienstlichen Besprechungen – auf engem Raum und in kurzer Zeit und relativ entspannter Atmosphäre so viele Bekannte treffen, Kontakte knüpfen und Gespräche führen. Insofern kommt mir der Polizeikongress vor allem vor als ein überschaubarer Marktplatz zum Sehen und Gesehen-Werden.

Für ProPress GmbH, den Veranstalter

ProPress GmbH ist der Name Veranstalters, der ja gleichzeitig auch der Herausgeber des Behördenspiegels ist. Das „dicke Geschäft“, so meine Einschätzung, ist es nicht, diesen Kongress alljährlich zu veranstalten. Anhand der ausgewiesenen Standflächen und der veröffentlichten Sponsorenlisten lassen sich die Einnahmen aus Ausstellergebühren grob abschätzen. Wir kommen auf Einnahmen daraus von ca. 600.000€ [auf der Basis der Aussteller-Preise von 2014, es mag also inzwischen mehr sein.] Doch gemessen am Aufwand für Organisation und Vorbereitung, Sachkosten für Miete, Installationen, Druckkosten und Catering, sowie etwaigen Referentenhonoraren und -reisekosten, kommt unter dem Strich vermutlich kein riesiges Plus heraus. Doch das Geschäftsmodell könnte ein anderes sein:

„Eine aufgedrängte Bereicherung“ sieht der Bundesrechnungshof

Unter diesem Titel berichtete am 22.02. der Tagesspiegel [2] über die Kritik des Bundesrechnungshofes am „Behördenspiegel“. Was den Prüfern sauer aufstößt, ist die massenhafte kostenlose Lieferung dieser Zeitschrift zur „Unterstützung für das Verwaltungshandeln“ (so der Chefredakteur), an Ministerien und Bundesbehörden. Denn 12.000 der 14.000 Exemplare, die allein an diesen Empfängerkreis geliefert werden, sind kostenlos. Also auch dort wird kein Geld verdient. Das Geschäftsmodell der Behördenspiegel-Firmengruppe scheint vielmehr darin zu bestehen, Marktplätze zu eröffnen und zu unterhalten, auf denen sich zahlende potenzielle Anbieter (Aussteller, Werbetreibende in Druckschriften) mit Vertretern potenzieller Kunden treffen können. Das jedenfalls ist der gemeinsame Nenner von Behördenspiegel, Europäischem Polizeikongress, Bundeskongress Haushaltsmodernisierung oder den wöchentlichen Newsletter, wie „E-Government“, „Netzwerk-Sicherheit“ oder „Wehrtechnik“.
Und – sozusagen als zweites Standbein – richtet die Behördenspiegel-Gruppe auch noch zahlreiche Seminare aus: Zu Vergaberecht, Informationstechnologie, Führungskompetenz, Kommunikation am Behördenarbeitsplatz, Personal, Organisation und Management, Revision und Compliance. Auch hier setzt man auf Referenten/Dozenten, die „zu einem großen Teil selbst aus der Verwaltung kommen, die Workshops [sind] also von Verwaltungspraktiker für Verwaltungspraktiker gestaltet.“ Im Grunde genommen, das gleiche Geschäftsmodell wie bei den Kongressen. Nur, dass hier die Besucher / Teilnehmer zahlen – bzw. deren Behörden. Aber auch das stimmt ja überein mit den Kongressen …

*) Die oben genannten Preisangaben galten im Jahr 2014.

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Quellen zu diesem Artikel

[1]   Webseite des Europäischen Polizeikongresses
http://www.european-police.eu/
[2]   “Eine aufgedrängte Bereicherung“ 22.02.2016, Tagesspiegel
http://www.tagesspiegel.de/themen/agenda/sponsoring-und-die-bundesregierung-eine-aufgedraengte-bereicherung/12999714.html

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