Fachbegriffe der polizeilichen Informationstechnik

Fallbearbeitungssysteme in deutschen Polizeibehörden

8. Dezember 2016 | Von | Kategorie: AKTUELLES, FALLBEARBEITUNGSSYSTEME, GLOSSAR DER FACHBEGRIFFE

Übersicht

Was sind Fallbearbeitungssysteme?

Fallbearbeitungssysteme (FBS) dienen der Unterstützung von Ermittlungstätigkeiten und Auswertungen, vor allem bei komplexen Sachverhalten. Sie werden nicht flächendeckend von allen Polizeibeamten genützt, sondern von dem Teil der Polizei, der mit dem Begriff ‚Kriminalpolizei‘ subsummiert wird und sofern dort komplexe Sachverhalte bearbeitet werden. Zur Bearbeitung einfacher polizeilicher Vorgänge, wie Straftaten der Massenkriminalität, kommen i.d.R. Vorgangsbearbeitungssysteme zum Einsatz. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass Fallbearbeitungssysteme aufgrund ihres Leistungsumfangs über mehr Funktionen verfügen. Die Benutzer müssen daher geschult sein, um effektiv mit dem FBS arbeiten zu können.

Komponenten

Fallbearbeitungssysteme bestehen aus einer Datenbank und einem oder mehreren Programmen auf den Arbeitsplatzrechnern der Nutzer.
Die Datenbank wird auf einem zentralen Server installiert; dort gespeicherte Daten stehen also allen – berechtigten – Nutzern zur Verfügung.
Die Programme stellen die „Anwendungsoberfläche“ zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe und den darin vorhandenen Funktionen kann der (berechtigte) Nutzer Daten und Dokumente erfassen, bearbeiten, abfragen und nutzen. Alle unten genannten Fallbearbeitungssysteme bieten webbasierte Anwendungen an (thin client), POLYGON (sicher) und RSCase (soweit hier bekannt) auch eine Windows-Oberfläche (thick client). Für POLYGON existiert auch eine Standalone-Variante (Datenbank und Anwendungssoftware auf einem PC, z.B. für den mobilen Einsatz.)

Fachliche Segmentierung der Datenbank

Die oben gewählte Bezeichnung ‚Datenbank‘ war eine Vereinfachung. Tatsächlich wird die Datenbank in physikalische und/oder logische „Töpfe“ unterteilt. In jedem „Topf“ sind nur die relevanten Daten und Dokumente für einen bestimmten fachlichen Arbeitsbereich der Polizei gespeichert. Solche Arbeitsbereiche sind üblicherweise der polizeiliche Staatsschutz, der Bereich „Organisierte Kriminalität“, „Wirtschaftskriminalität“, „Schwere Straftaten“ (gegen Leib und Leben), usw. Die Folge ist, dass nur berechtigte Nutzer aus dem jeweiligen Arbeitsbereich Zugriff auf die Daten und Dokumente aus dem zugehörigen „Topf“ haben.

Zusätzliche Abschottung

Wo dies fachlich bzw. taktisch notwendig ist, können Informationen und Dokumente zusätzlich geschützt gespeichert werden und stehen damit nur solchen Nutzern zur Verfügung, die für diesen geschützten Bereich die passende Zugriffsberechtigung haben.

Kritik am Begriff ‚Fallbearbeitungssystem‘

Es existiert keine einheitliche bzw. allgemein verwendete und von jedermann verstandene Definition für diesen Begriff. Die Folge ist, dass darunter jeder versteht, was er will.
[Die Firma Polygon hat ihr System daher nie selbst als ‚Fallbearbeitungssystem‘ bezeichnet (siehe unten).] Hier die Eigen-Beschreibungen der drei Hersteller ca. um 2011:

CRIME: „Der Schwerkriminalität auf der Spur“
„Für die Aufklärung und Bekämpfung der Schwerkriminalität steht der Polizei mit CRIME (Criminal Research Investigation Management Software) eine Datenbanksoftware zur Verfügung, die komplexe Sachverhalte und Erkenntnisse strukturiert verwalten und grafisch als Beziehungsnetz von zum Beispiel Personen, Ereignissen, Firmen, Spuren, Hinweisen, pp. darstellen kann. …
CRIME ermöglicht durch sein internes Meta-Datenmodell schnelle und kostenneutrale Anpassungen an jede Ermittlungssituation. In kürzester Zeit können neue Anwendungen erstellt oder durch Änderungen in der Informationsstruktur auf die Ermittlerbedarfe ausgerichtet werden …“

Rola: „IT-Lösung für kriminalpolizeiliche Fallbearbeitung“
„RSCase ist die modular aufgebaute Komplettlösung für eine durchgängige Bearbeitung und Vernetzung von strukturierten und unstrukturierten Informationen. Sie dient der Informations-Erschließung, macht Strukturen und Zusammenhänge sichtbar und unterstützt die integrierte Fallbearbeitung und Analyse von komplexen Kriminalitätsphänomenen wie Terrorismus, organisiertem Verbrechen oder Wirtschaftskriminalität. …“

Polygon: „POLYGON Informationssystem und Werkzeuge für Fach-Anwender in der Kriminalpolizei“
„POLYGON unterstützt Fachanwender in der Kriminalpolizei, die mehr brauchen als Breitenanwendungen für Informationsmanagement oder Vorgangsbearbeitung. Es integriert die wesentlichen Teilbereiche fachlich kompetenter, kriminalistischer Ermittlung und Auswertung in ein- und demselben System, nämlich

  • Informationsmanagement
  • Spurenmanagement
  • Auftragsmanagement und
  • Dokumenten- und Aktenmanagement“

Verbreitung

Bis zum Jahr 2011 hatten alle Polizeibehörden der Bundesländer, sowie die beiden Bundespolizeibehörden jeweils ein eigenes Fallbearbeitungssystem beschafft.

  • Das System mit der größten Verbreitung ist RSCase von der Oberhausener Firma Rola Security Solutions GmbH. Die Firma hat lange Zeit damit geworben, dass dieses System betreiberspezifisch Bei der Bundespolizei, wie auch beim Bundeskriminalamt wird als Fallbearbeitungssystem eine Variante des Systems RS Case der Firma Rola mit der Bezeichnung B-Case verwendet. angepasst werden kann. Um diese Individualität zu betonen, erhielt die so für das jeweilige Land angepasste Variante von RSCase auch jeweils einen individuellen Namen (siehe Übersichten unten).
    Wesentlich mehr Details zu RSCase, der Firma Rola und den Behörden, die RSCAse bzw. Varianten anwenden, finden Sie unter „Rola und Konsorten“ in der Sektion „AKTEURE“.
  • In drei Landespolizeibehörden, nämlich in Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen war 2011 das Fallbearbeitungssystem Crime im Einsatz. Es handelt sich um eine Entwicklung der Polizei Hamburg, die im Jahr 2002 im Rahmen eines Gesamt-Softwarepaketes gegen eine Aufwandsentschädigung (dem Hörensagen nach handelte es sich um rund 5 Millionen Euro) dem Bund überlassen wurde. CRIME wurde dort weiterentwickelt zum sogenannten Verbund-Fallbearbeitungssystem INPOL-Fall. Parallel dazu wurde CRIME als Fallbearbeitungssystem für die drei genannen Länder zunächst im Geschäftsbereich des hessischen Innenministeriums, nach Wechsel der IPCC-Geschäftsführung nach Hamburg dann im Geschäftsbereich der Polizei Hamburg gepflegt und weiter entwickelt.
    Einzelheiten zu CRIME enthält die Abteilung „IPCC und Konsorten“ in der Sektion AKTEURE.
    Die Geschichte von INPOL-Fall ist in diesem Artikel nachzulesen.
  • Im Land Brandenburg ist seit 1996 (und bis heute) das polizeiliche Informationssystem POLYGON im Einsatz. Die Firma Polygon hat ihr System selbst nie als „Fallbearbeitungssystem“ bezeichnet. Denn es handelt sich um eine datenbank-gestützte, generell verwendbare Informationsplattform mit besonderen Leistungsmerkmalen und Anwendungen für die kriminalpolizeiliche Sachbearbeitung, Analyse und Auswertung. Kern von POLYGON ist eine seit 2001 national und in anderen Ländern (D, A, CH, UK, NL und U.S.A) patentierte Datenbanktechnologie. Eine nach Auskunft des damaligen IT-Direktor des Bundeskriminalamtes im Jahr 2007 „sehr ähnliche, aber nicht gleiche“ Datenbank-Technologie wird in INPOL-Fall und demzufolge auch im System CRIME verwendet, aus dem INPOL-Fall hervorgegangen ist. Eine an sich naheliegende Kooperation zur gemeinsamen bzw. arbeitsteiligen Weiterentwicklung von INPOL-Fall, CRIME und POLYGON wurde vom BKA und von der CRIME-Kooperation im Inpol Polas Competence Center abgelehnt.

Übersicht nach Herstellern

Polizeibehörde Name des Systems Hersteller
BKA b-case (BKA) Rola
Bundespolizei b-case (BPol) Rola
Bayern EASY Rola
SAP Investigation
Management for
Public Sector /
SAP HANA
SAP
Baden-Württemberg CRIME IPCC
Hessen CRIME IPCC
Thüringen <unbekannt> Rola
Sachsen EFAS Rola
Rheinland-Pfalz KRISTAL Rola
Saarland KRISTAL Rola
Nordrhein-Westfalen CASE Rola
FINDUS Eigen-
entwicklung
Sachsen-Anhalt <unbekannt> Rola
Berlin CASA Rola
Brandenburg POLYGON Polygon
CRIME IPCC
Niedersachsen SAFIR Rola
Schleswig-Holstein MERLIN Rola
Mecklenburg-Vorpommern ZEUS Rola
Hamburg CRIME IPCC
Bremen <unbekannt> Rola

PIAV-Anbindung nach Hersteller

Polizeibehörde Name des Systems Hersteller
BKA b-case (BKA) for PIAV Rola
Bundespolizei b-case (BPol) for PIAV Rola
Bayern EASY for PIAV Rola
Baden-Württemberg CRIME for PIAV IPCC
Hessen CRIME for PIAV IPCC
Thüringen <unbekannt> Rola
Sachsen EFAS for PIAV Rola
Rheinland-Pfalz KRISTAL for PIAV Rola
Saarland KRISTAL for PIAV Rola
Nordrhein-Westfalen FINDUS Eigen-
entwicklung
Sachsen-Anhalt <unbekannt> Rola
Berlin CASA for PIAV Rola
Brandenburg CRIME for PIAV IPCC
Niedersachsen SAFIR for PIAV Rola
Schleswig-Holstein MERLIN for PIAV Rola
Mecklenburg-Vorpommern ZEUS for PIAV Rola
Hamburg CRIME for PIAV IPCC
Bremen <unbekannt> <unbekannt>

Dieser Artikel wurde am 08.12.2016 um 17.30 aktualisiert.

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