Informationstechnik für die Fachlichkeit (2)

Entwicklung des Informationsmodells – Objekttypen

4. Juli 2013 | Von | Kategorie: AKTUELLES

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung leisten nicht die IT-Entwickler, sondern vielmehr die ‚Fachlichkeit‘ den wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Informationsmodells.
Ihre erste Aufgabe besteht darin, die notwendigen Objekttypen zusammenzutragen.

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Informations-Objekte und -Objekttypen

Objekte sind konkrete oder abstrakte „Dinge“, die man in der Wirklichkeit anfassen kann, bzw. an die man denken oder sich vorstellen kann. Sie und ich sind ‚Objekte‘, die Adresse, an der wir uns gerade aufhalten, unser Telefonanschluss, das Fahrzeug, das wir fahren, den Leihvertrag, den wir mit der Autovermietung abschließen und vieles mehr: Das alles sind Objekte.

Solche Objekte kann man in einer Datenbank abbilden. Man speichert dazu für jedes Objekt einen „Datensatz“, der die Informationen über ein ganz bestimmtes Objekt zusammenfasst. Der Datensatz, als Repräsentation eines Objekts im Informationssystem, wird daher als Informationsobjekt bezeichnet.

Es liegt auf der Hand, dass man Objekte in Gruppen zusammenfasst, also z.B. die Personen, die Firmen, die Fahrzeuge usw. Nur folgerichtig, werden daher auch die Informationsobjekte in Gruppen eingeteilt. Diese Gruppen heißen (Informations-)Objekttypen.

Eine wesentliche Aufgabe bei der Entwicklung eines Informationsmodells besteht darin herauszufinden, welche Informations-Objekttypen für das geplante Informationssystem notwendig sind.

Die Wahl der Objekttypen ist essentiell für den Informationsaustausch mit anderen Systemen

Wenn Robinson ein Informationssystem für seine Insel entwickelt, muss er sich auch überlegen, welche Objekttypen wohl nötig sind. Es besteht für ihn zunächst jedoch kein Bedarf, sich mit anderen abzustimmen. Das ändert sich dann, wenn Robinson Verkehr zu seinen Nachbarinseln unterhält. Sollten die ebenfalls Informationssysteme betreiben – z.B. für den Personen- und Güterverkehr zwischen den Inseln – so erleichtert es die Verständigung zwischen den Nachbar-Systemen ungemein, wenn man sich auf gemeinsame Objekttypen verständigt.

„Das ist doch selbstverständlich!“, wenden Sie ein. Schön wäre es! Leider trifft man auch heute noch auf polizeiliche Informationssysteme, die mit dem Ansatz von Robinson entwickelt wurden. Teilweise war es ja sogar ein Werbeargument, dass jeder Betreiber seine individuellen Vorstellungen einbringen und realisieren lassen konnte. Dann gibt es andere polizeiliche Informationssysteme, die unterschiedliche Fachanwendungen anbieten, jedoch nicht sicherstellen, dass sämtliche Fachanwendungen das gleiche Informationsmodell benutzen. Das hat zur Folge, dass Informationen selbst innerhalb des gleichen Informationssystems nicht zwischen den Fachanwendungen ausgetauscht werden können.
Erst in den letzten Jahren hat man erkannt, welche gravierenden Auswirkungen auf die Verständigung – technischer ausgedrückt, auf die Möglichkeit zum Informationsaustausch – zwischen polizeilichen Informationssystemen diese falsch verstandene „Individualität“ hatte. Die Entwicklungen von XPOLIZEI bzw. des Informationsmodells Polizei (IMP) gehen insofern in die richtige Richtung. Sie kommen allerdings fünfzehn Jahre zu spät, was zur Folge hat, dass das Gros der heute verwendeten polizeilichen Informationssysteme sehr hoher Aufwand betrieben werden muss, um diesen „Altsysteme“ Anschluss zu verschaffen an moderne Systeme mit standardisiertem Informationsmodell bzw. um sie zum Informationsaustausch zu bewegen. Ob es allerdings gerechtfertigt ist, solche konzeptionellen Fehler der Vergangenheit dadurch zu zementieren, dass man Altsysteme selbst zum neuen Standard erhebt, wäre ein ebenso lohnendes Diskussionsthema, wie die Frage, ob dadurch tatsächlich langfristig weniger Aufwand und Kosten entstehen.

Mit einem Brainstorming die richtigen Objekttypen finden

Ein Brainstorming ist immer ein guter Anfang: Setzen Sie sich mit Ihren Kollegen zusammen und sammeln Sie die Antworten auf diese beiden Fragen:

  • Welche (konkreten zw. abstrakten) Objekte sollen im zukünftigen Informationssystem erfasst und gespeichert werden?
  • Wonach wird später gesucht bzw. was soll als Ergebnis einer Auswertung / Analyse zu sehen sein?

Ordnen Sie die gesammelten Antworten dann einfach nach den wesentlichen W-Fragen.

Die richtige Balance zwischen zu viel und zu wenig Objekttypen finden

Ergebnis Ihres Brainstormings wird möglicher Weise ein ganzer Sack von Objekttyp-Kandidaten sein: Lassen Sie es – in diesem frühen Stadium durchaus zu – dass viele Objekttypen auf den Tisch kommen. Techniker, die u.U. mit am Tisch sitzen, haben die Tendenz dazu, hier schon „regulierend“ einzugreifen, weil sie der Überzeugung sind, dass eine große Vielfalt von Objekttypen auch viel Aufwand und Ärger mit sich bringt – und davon hat ein Techniker ohnehin genug. Also wird er versuchen – mehr oder minder diplomatisch – die Ideen der Fachlichkeit zu kanalisieren. Dafür ist jetzt allerdings der falsche Zeitpunkt!

Übrigens: Die Anzahl unterschiedlicher Objekttypen in einem polizeilichen Informationssystem ist erfahrungsgemäß nicht sehr groß: Sie liegt bei 20 bis 30 unterschiedlichen Objekttypen.

Haupt- und Unter-Objekttypen

Aus Ihrer Sicht auf die Fachlichkeit, sollten Sie sich dagegen fragen, wo es fachlich notwendig ist, Haupt-Objekttypen in Unter-Objekttypen zu unterteilen:

Nehmen wir als Beispiel die Personen-Objekttypen
Dass es natürliche Personen gibt und juristische Personen – das liegt auf der Hand. Daneben gibt es die sonstigen, also Organisationen, die weder natürliche, noch juristische Personen sind (z.B. Personenvereinigungen, Gruppierungen, Kooperationsverbünde usw.)

Die „Sachen“-Objekttypen sind ein anderes gutes Beispiel:
Natürlich kann man einen umfassenden Objekttyp „Sache / Gegenstand“ definieren. Aber die (polizeiliche) Praxis besagt, dass es ganz praktisch ist, auch einen eigenen Objekttyp zu haben für Fahrzeuge (, den man noch weiter unterteilen kann), für Ausweise bzw. Dokumente oder für Schusswaffen. Diese und weitere Sachen-Objekttypen empfehlen sich vor allem auch dann, wenn es sich um Objekte handelt, nach denen in der Praxis häufig gefragt bzw. gesucht wird. Wie die Aufarbeitung der „NSU-Ermittlungen“ durch die Bund-Länder-Kommission Rechtsextremismus zeigt, wäre es durchaus hilfreich gewesen, wenn Fahrräder, Radlerhosen, Baseballmützen oder ein geflochtener Einkaufskorb
von allen beteiligten Informationssystemen in gleicher Weise „verstanden“ und verarbeitet worden wären. Damit werden wir uns in einem gesonderten Beitrag in Kürze beschäftigen.

Gehen Sie nicht in die Falle der „nachgeordneten Objekttypen“!

Der Begriff „nachgeordneter Objekttyp“ (NGO) hat sich in der polizeilichen Informationstechnik eingebürgert für Objekttypen, die nicht unbedingt stark und eigenständig sind, sondern an starke Objekttypen „angehängt“ werden. In manchen Systemen / Informationsmodellen wird der Begriff „Kernkomponente“ verwendet, in anderen ist von „mehrspaltigen Mehrinhaltsgruppen“ die Rede. Die Informationstechnik spricht eher von Subtype-/Supertype-Konstrukten. Es handelt sich dabei um eine Gruppe zusammengehöriger Informationen (Merkmalen, um genau zu sein), die in gleicher Gruppen-Zusammensetzung bei verschiedenen Objekttypen vorkommen können. Ein Beispiel ist z.B. die Gruppe der Merkmale für die Personenbeschreibung (also Aussehen und Verhalten einer Person).

Nun ist ja erst mal nichts einzuwenden dagegen, dass man gleiche Informationen auch standardisiert, d.h. mit immer den gleichen Merkmalstypen erfasst und beschreibt. Eine Zeitlang war es richtig ‚Mode‘ in den Informationsmodellen für polizeiliche Informationssysteme, solche „NGOs“ bzw. „Kernkomponenten“ bzw. „Mehrinhaltsgruppen“ zu verwenden. Doch dann verlor man etwas das Ziel aus dem Auge, das (siehe oben) darin bestehen sollte, als eigenständige Objekttypen zu führen, wonach man fragt oder sucht. Mit einem Mal tauchten dann Adressen auf als nachgeordnete Objekttypen. Und Email-Adressen. Und Telekommunikations-Adressen. Und Bankkonto-Informationen. Als NGOs definiert, also als Gruppe zusammengehörender Merkmale, verschwinden die entsprechenden Informationen in einem oder mehreren anderen Objekttypen, z.B. bei den natürlichen Personen, bei den juristischen Personen und bei relevanten Ereignissen bzw. Straftaten. Die Folge ist, dass man bei der Suche und Auswertung daran denken muss, dass z.B. eine Adresse „in“ mehreren Informationsobjekten eingebettet sein kann. Das macht die Suche bzw. Auswertung aufwändiger und ist das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte: Ein Informationssystem zu bauen, bei dem an sich vorhandene Information nicht übersehen werden kann.

Wie es besser geht?! Ganz einfach: Man belässt solche Objekttypen als das, was sie sind: Beziehungsfähige (!), eigenständige Objekttypen. Um eine Adresse anzuhängen an eine Person (wohnt …), an eine Firma (hat Sitz ..), an eine Straftat („ist Tatort“) kann man das Personen- bzw. Firmen-, bzw. Straftatenobjekt einerseits definieren, das Adressobjekt andererseits und dazwischen eine Beziehung.

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Dieser Beitrag ist Teil der Serie ‚Informationstechnik für die ‚Fachlichkeit‘ …

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