Wie ist die aktuelle Situation in der Polizei beim Teilen von Informationen?

Noch nicht einmal innerhalb ein- und derselben Behörde können Informationen geteilt werden …

Die Situation heute ist davon weit entfernt: Heute ist es so, dass selbst die Informationssysteme innerhalb ein- und derselben Polizeibehörde nicht zum „Teilen“ in der Lage sind: POLICE-IT hat im Frühjahr 2016 eine Umfrage in einigen großen Polizeibehörden durchgeführt: Und dabei erfahren, dass zum Beispiel in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, sowie in Brandenburg, Hessen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen Informationen aus den Vorgangsbearbeitungssystemen nicht einfach mal schnell auf Knopfdruck in das Fallbearbeitungssystem der gleichen Polizeibehörde übertragen werden können: Entweder muss ein entsprechend geschulter Experte die relevanten Informationen aus dem Vorgangsbearbeitungssystem exportieren, damit sie im Fallbearbeitungssystem importiert werden können. Oder die Informationen müssen gleich noch einmal im Fallbearbeitungssystem manuell erfasst werden.
Das bedeutet in der polizeilichen Praxis:

  • Informationsaustausch selbst zwischen Vorgangs- und Fallbearbeitungssystem in der gleichen Behörde erfordert erheblichen Zusatzaufwand und die Zusammenarbeit kundiger Fachleute.
  • Information ist „nie“ rechtzeitig und vollständig dort verfügbar, wo sie gebraucht wird.

Beispiel: Silvester 2015 in Köln: Nicht-Teilen und seine praktischen Auswirkungen

Ganz zu schweigen von Ausnahmesituationen, wie zum Beispiel nach den Ereignissen aus der Silvesternacht in Köln. Es hat damals, wie uns auf eine andere Presseanfrage bestätigt wurde, viele Tage gedauert, bis bei zuständigen Ermittlungsgruppe auch nur annähernd ein Überblick vorhanden war, wie viele Strafanzeigen zu diesen Ereignissen eigentlich vorlagen.

  • Strafanzeigen, die z.B. im Internet aufgegeben werden, werden nicht „elektronisch“ in das Vorgangsbearbeitungssystem eingestellt, sondern müssen manuell nacherfasst werden , wenn jemand dazukommt.
  • Strafanzeigen aus dem nahe bei Köln liegenden Koblenz wurden von der Polizei des Bundeslandes Rheinland-Pfalz erfasst und bearbeitet. Hier war es Kompetenz- bzw. Glückssache, ob ein Zusammenhang mit den Ereignissen auf der Kölner Domplatte festgestellt und die Informationen an die Ermittlungsgruppe in Köln weitergegeben wurden …

Fehlende Möglichkeiten zum Teilen zwischen Polizeibehörden

Wenn schon das Vorgangs- und das Fallbearbeitungssystem innerhalb der gleichen Polizeibehörde nicht „miteinander sprechen“, gilt dies umso mehr für Informationssysteme unterschiedlicher Polizeibehörden, also zum Beispiel die Fallbearbeitungssysteme aus Baden-Württemberg und Bayern.

Stellen Sie sich vor, dass beim LKA in München und bei dem in Stuttgart Ermittlungsverfahren geführt werden wegen des Verdachts der Schutzgelderpressung u.a. zu Lasten der Betreiber von italienischen Restaurants im Allgäu. Ein Teil des Allgäus gehört zu Bayern, ein anderer Teil zu Baden-Württemberg. Es liegt also auf der Hand, dass man sich bei den Ermittlungen eng abstimmt und Informationen wechselseitig austauscht. Und genau das ist heute alles andere als einfach, weil es weder zwischen den Vorgangs-, noch zwischen den Fallbearbeitungssystemen der beiden Länder Schnittstellen gibt über die Informationen „elektronisch“ übermittelt werden könnten.

Wie behilft man sich also heute? Irgendwie pragmatisch aber doch auch mit sehr viel Zeit- und Arbeitsaufwand. Eine Möglichkeit besteht darin, relevante Informationen aus dem eigenen System in eine Excel-Liste zu exportieren und diese Liste an die Kollegen im anderen Land zu schicken. Die müssen dann selbst zusehen, ob und wie sie die Informationen aus der Liste – zeitnah – in ihr eigenes System importieren oder gleich noch einmal abschreiben. Eine andere, gerne genutzte Möglichkeit besteht darin, relevante Informationen aus dem Quellsystem in eine Arbeitsdatei des Visualisierungswerkzeugs ANALYST’S NOTEBOOK zu überführen und diese Datei an die Kollegen im anderen Land zu schicken. Dort ist dann hoffentlich der Experte gerade „auf Arbeit“, der weiß wie man Daten aus ANALYST’S NOTEBOOK wieder ins eigene Fallbearbeitungssystem übernimmt. Wenn nicht: Pech oder besser gesagt: Ständige Praxis: Dann schaut man sich eben den Ausdruck an, den der Kollege aus dem anderen Bundesland hoffentlich ausgedruckt und mitgeliefert hat. Hoffentlich sind die Beschriftungen groß genug, um noch lesbar zu sein …

Diese Beispiele aus der Praxis machen deutlich:

  1. Zur Zeit ist hoher Zeit- und Arbeitsaufwand damit verbunden, solche Informationen von einer an eine andere Polizeibehörde weiter zu geben.
  2. Es dauert mindestens Tage, manchmal Wochen, bevor die Information tatsächlich im gewünschten Zielsystem angekommen ist und dort nutzbar ist.
  3. Ein Großteil der Informationen, die irgendwo bei einer deutschen Polizeidienststelle tatsächlich vorhanden ist, kann gar nicht genutzt werden, weil sie der anderen Polizeidienststelle, die diese Information (später einmal) braucht, gar nicht bekannt sind.

PIAV soll die Voraussetzung schaffen für bessere Analyse und Auswertung

Der größte Wunsch von allen Teilnehmern an den PIAV ist der mühelose Austausch relevanter Informationen zwischen Polizeibehörden ohne zusätzlichen Aufwand durch Mehrfacherfassung und -abfrage und ohne Zeitverlust. Die Idealvorstellung bestand darin, dass das Vorgangs- oder Fallbearbeitungssystem in jeder Behörde PIAV-fähig gemacht wird, d.h. die Funktionen erhält, die das Senden und Empfangen von Informationen und Nachrichten zu und von anderen PIAV-Teilnehmern ermöglichen.

PIAV ist also selbst kein neues Ermittlungswerkzeug und erst recht kein Wunderwerkzeuge für Analyse und Auswertung, sondern die Fähigkeit des jeweiligen Teilnehmersystems mit anderen PIAV-Teilnehmern PIAV-relevante Informationen zu teilen. Damit soll PIAV die VOrausetzung schaffen, nämlich eine möglichst vollständige Informationsbasis für die polizeiliche Analyse und Auswertung.

Zurück zur PIAV-Themenseite

____________________________________________________________________________________________

Copyright und Nutzungsrechte

(C) 2016ff CIVES Redaktionsbüro GmbH
Sämtliche Urheber und Nutzungsrechte an diesem und anderen Artikeln dieser Serie liegen bei der CIVES Redaktionsbüro GmbH.