Was sind PIAV-Cluster?

Was sind PIAV-Cluster und wie ist es dazu gekommen?

Bekanntlich ist Polizeiarbeit Ländersache. Wenn also die Polizeibehörden der Länder und die Bundespolizeibehörden zusammenarbeiten sollen, müssen sie sich zusammenraufen.

Ein gewisses Problem bei der Entwicklung von polizeilichen IT-Systemen für Bund-Länder-Verbundanwendungen besteht darin, dass die Polizeibehörden aller Länder gleichberechtigt sind und dass auch das Bundeskriminalamt den Ländern nichts zu sagen hat. Jede Teilnehmerbehörde eines solchen IT-Verbunds, egal ob INPOL oder PIAV, und egal, wie groß das Bundesland ist, hat also eine gleichwertige Stimme, wenn es um die gemeinsame Festlegung fachlicher Definitionen und Standards geht. Die letzte Entscheidung über die Entwicklung von Bund-Länder-Verbundlösungen (wie INPOL oder PIAV) wird daher auch durch die ständige Konferenz der Innenminister getroffen. Und dort herrscht faktisch das Gebot der Einstimmigkeit.

Die polizeiliche Fachlichkeit auf den PIAV

Wie es seit Jahrzehnten geübte Praxis ist, wurde also auch für die gemeinsame Abstimmung über das Informationsmodell Polizei (mindestens) eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingesetzt. Solche Arbeitsgruppen und ihnen untergeordnete Teams und nebengeordnete Kommissionen erledigen die eigentliche Arbeit. Man traf sich regelmäßig, wie üblich an wechselnden Orten reihum in der Republik, fuhr wieder nach Hause, stimmte dort die Zwischenergebnisse ab, traf sich zur nächsten Besprechung mit neuen Vorgaben aus den Fachabteilungen der eigenen Behörde usw. Und nachdem etliche Monate ins Land gegangen waren, lag der Entwurf für einen Beschluss vor, den man in der Hierarchie nach oben reichte, bis er über den AKII (Arbeitskreis der zuständig ist für Fragen der Inneren Sicherheit) bei der Innenministerkonferenz zur endgültigen Entscheidung angekommen war. Für die Runde der Innenminister ist üblich, dass sie solche Vorlagen „zur Kenntnis nehmen“, „begrüßen“ und ihnen zustimmen. So geschah es auch hier.

Beschlossen wurde, dass das vorgelegte Informationsmodell Polizei nicht ausreichend ist, um die spezifischen fachlichen Anforderungen zur Abbildung von Informationen aus den Fachbereichen der Kriminalpolizei abzubilden.

Daraufhin machten sich weitere Fachgruppen ans Werk und definierten fachspezifisch, aber länderübergreifend, die besonderen fachlichen Anforderungen an ein Informationsmodell Polizei, welches auch für Fachbereiche, wie Organisierte Kriminalität, Eigentumskriminalität, Gewaltkriminalität, Rauschgiftkriminalität, Falschgeld, Geldwäsche, Staatsschutz usw. perfekt geeignet sein würde. Am Ende dieses weiteren, gemeinsamen Abstimmungsprozesses hatten sich einige Varianten des Informationsmodells Polizei herausgebildet: Sie alle basierten auf dem einheitlichen IMP, definierten jedoch jede noch besondere Spezialitäten und Regeln, die aus der Sicht der jeweiligen Facharbeitsgruppe für unverzichtbar gehalten wurden.

Diese fachspezifischen Varianten des PIAV erhielten die Sammelbezeichnung PIAV-Cluster. Jeder PIAV-Cluster verwendet eine eigene Variante des Informationsmodells Polizei mit einem allen gemeinsamen Kern-Informationsmodell.

Für Software-Entwickler, die in der Polizei meist zeitbezogen abrechnen, war das einerseits eine gute Nachricht. Denn jede weitere Variante des Informationsmodells Polizei, die implementiert werden muss, verursacht mehr Aufwand, kostet also viel Zeit und macht daher den Auftrag größer. Mehr Aufwand und mehr Zeit bedeutet auch eine entsprechende Verlängerung der Entwicklungszeit. Und so kam es zum aktuellen Status, dass „nach derzeitiger Planung“ die letzte Ausbaustufe des PIAV im Jahr 2020 oder sogar erst 2022 zu erwarten ist …

Woran PIAV ebenso scheitern könnte, wie INPOL-Neu …

So notwendig und richtig es sein mag, fachliche Anforderungen auch angemessen abzubilden und nicht sämtliche IT-Anwendungen für die Kriminalpolizei über einen Kamm zu scheren, so sehr liegt in dieser Ausprägung von diversen PIAV-Cluster auch das Risiko, dass sich bei PIAV das wiederholt, woran das ursprüngliche INPOL-Neu 2002 gescheitert ist. Dass nämlich Fachinteressen überwiegen gegenüber dem Interesse eines einheitlich verwendbaren, gemeinsamen Systems aller Polizeibehörden, das unaufwändig, ohne Mehrfacherfassung und zeitnah das Teilen relevanter Informationen mit anderen PIAV-Teilnehmern ermöglicht.

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