Die Anfangsjahre von Genesys

Wir schreiben das Jahr 1979. In dieser Zeit war die IT-Landschaft geprägt von Großrechnern oder Anlagen der so genannten „Mittleren Datentechnik“. An PCs im heutigen Sinne war noch nicht zu denken, zögerlich kamen Geräte, die Bildschirm, Computer und Tastatur in einem Gehäuse enthielten und sich ‚Sinclair‘ oder ‚Atari‘ o.ä. nannten, auf den Markt. Unseren ersten eigenen Computer baute SB mit Freunden aus einem in Amerika bestellten Geräte-Bausatz zusammen.
Aufgrund der gewachsen guten Geschäftskontakten mit Siemens- wir hatten nach dem Studium und vor der Firmengründung bei Siemens als Consultants gearbeitet – entwickelte sich der Gedanke, solche „Mikrocomputer“ anstelle der bis dahin üblichen „dummen Terminals“ an Großrechnern einzusetzen. Genesys wurde der ausgewiesene Spezialist für die Entwicklung solcher so genannter Terminalemulationssoftware (=nachbildungen) und verkaufte Lizenzen der Programme an nahezu alle großen Computerhersteller in Deutschland, wie Siemens selbst, Triumph Adler, Nixdorf oder ICL. Für die Lottospieler in Bayern machten wir die die Gewinnauszahlung schon ab Montag möglich, weil die Gewinnlisten nun elektronisch an die Annahmestellen ausgeliefert werden konnten. Für die spanische Eisenbahngesellschaft Renfe und den Touristikkonzern Melia entwickelten wir eine Lösung, um die Buchung von Eisenbahn- und Flugtickes betrugssicher zu machen. Das Bundesforschungsministerium hatte das „IuD“-Programm (= Information und Dokumentation) aufgelegt, um die Online-Nutzung von wissenschaftlichen bzw. bibliografischen Datenbanken zu fördern. Die Ausschreibung für die entsprechenden IuD-PCs konnte Genesys für sich entscheiden und wurde anschließend für mehrere Jahre zum Marktführer für solche Systeme in Deutschland.

Allmählich wurden die „Mikrocomputer“ leistungsfähiger, Microsoft brachte erst DOS, dann Windows auf den Markt, was zu einer erheblichen Standardisierung bei der Hardware und Software führte. Erste Datenbanksysteme für „Personal Computer“, wie dBase oder „Gupta“ kamen auf den Markt und Genesys fokussierte sich zunehmend auf die Entwicklung von autonomen, d.h. von Großrechnern unabhängigen Datenbanken. Die PCs wurden immer leistungsfähiger, so auch die Datenbanksysteme und entsprechend größere Anwendungen entstanden bei Genesys: Ab Anfang der neunziger Jahre z.B. Auskunftssysteme für das Institut der Deutschen Wirtschaft oder den Deutschen Beamtenbund, vor allem aber Datenbanksysteme für den Deutschen Bundestag in Bonn, wo Genesys gemeinsam mit Siemens als „Generalunternehmer“ zu den eingeführten Lieferanten gehörte.

„Schalck-Golodkowski“,

… der Name des ehemaligen Leiters des Bereichs „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo), auch der „oberste Devisenbeschaffer der DDR“ genannt, wurde ein Meilenstein für die weitere Entwicklung der Genesys-Informationssysteme. Denn der Deutsche Bundestag (DBT) beauftragte Siemens zusammen mit Genesys mit der Entwicklung einer Lösung, um den neu eingesetzten Untersuchungsausschuss bei der Ermittlung und Auswertung des Komplexes „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) zu unterstützen. Dieses System war vermutlich das erste, große Dokumentations-, Analyse- und Auswertungssystem für komplexe Untersuchungssachverhalte in der Bundesrepublik. Es unterstützte über zwei Legislaturperioden hinweg die Arbeit des Untersuchungsausschusses im DBT, wo es den Abgeordneten zur Verfügung stand, die Mitglieder im Ausschuss waren, sowie deren Mitarbeitern und wissenschaftlichen Mitarbeitern des DBT, die die Verschlagwortung der über eine Million Dokumente zu bewerkstelligen hatten. Das Kernsystem, bestehend aus einer lastwagengroßen Jukebox für die optischen Platten, die Datenbank-Server und mehrere Workstations für die Eingabe und Abfrage soll inzwischen wegen der „historischen“ Bedeutung der Inhalte im Bundesarchiv in Koblenz seinen Platz gefunden haben.

Später konnte man lesen, dass mit der Person „Schalck-Golodkowski“ und dem Komplex „KoKo“ auch der Bundesnachrichtendienst zu tun hatte. Irgendwelche konkreten Berührungspunkte zwischen Genesys und BND gab es in dieser Zeit jedoch nicht, jedenfalls war uns dies nicht bewusst. Jahre zuvor hatte einmal eine „Bundesvermögensverwaltung“ eine Terminalemulationssoftware für den Zugriff auf wissenschaftliche Datenbanken bestellt und der dort zuständige „Herr Ecker“ hatte ein so auffälliges Geheimhaltungsbedürfnis, dass man gezwungen war, sich zu fragen, wer oder was denn wohl hinter der angeblichen Bundesvermögensverwaltung steckt. Es schien so, als dürfe die Tatsache, dass man auch beim BND auf öffentliche, wissenschaftliche und bibliografische Datenbanken zugreift, unter keinen Umständen bekannt werden. Diese Erfahrung buchten wir ab unter „Kunden-Pittoresken“ und nahmen sie ansonsten nicht weiter tragisch.

Im Übrigen hatte das Projekt „KoKo“ erheblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung: Es interessierte sich nämlich, das war ca. 1993, das Bundesinnenministerium in Person eines rührigen Kriminalhauptkommissars für das KoKo-Projekt und das dort installierte Softwaresystem: Der war zuständig für die „polizeiliche Ausstattungshilfe“ im BMI